„Zieh‘ die Schultern doch nicht so hoch!“
Wir Reiter kennen das: Wir üben diszipliniert an unserem Sitz, achten auf eine feine Hilfengebung, arbeiten an unserer Entspannung – und trotzdem will es einfach nicht besser werden.
Manchmal sind es aber nicht fehlende Technik oder mangelnde Willenskraft, die uns blockieren. Manchmal liegt die Ursache viel tiefer – nämlich in unserem eigenen Nervensystem.
Genauer gesagt: in frühkindlichen Reflexen, die noch aktiv sind. Wir Trainer sprechen in diesem Fall von restaktiven Reflexen. Und diese können nicht nur die reiterliche Entwicklung massiv bremsen, sondern auch Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit dem Pferd verstärken.
Typische Situationen, die jeder Reiter kennt
Vielleicht kommt dir das bekannt vor:
- Ein unbekanntes Pferd zu reiten, fühlt sich sofort bedrohlich an.
- Dein Pferd scheut, und dir zieht es den Boden unter den Füßen weg.
- Die Angst vor einem Sturz oder Verletzungen sitzt tief.
- Schon die Höhe auf dem Pferderücken löst ein mulmiges Gefühl aus.
- Prüfungssituationen, Turniere oder Reitabzeichen bringen dich innerlich an den Rand der Panik.
- In Menschengruppen bei Veranstaltungen würdest du dich am liebsten unsichtbar machen.
Wichtig: Es geht hier nicht um medizinische Angststörungen, die selbstverständlich in die Hände von Ärzten gehören.
Es geht um dieses diffuse, ungute Bauchgefühl, das dich als Reiter hemmt – auch wenn du eigentlich alles richtig machst.
Was sind frühkindliche Reflexe überhaupt?
Reflexe begleiten uns Menschen ein Leben lang: Herzschlag, Atmung, Schlucken oder Niesen sind überlebenswichtige Automatismen, die nie verschwinden.
Frühkindliche Reflexe sind jedoch anders. Sie entstehen bereits im Mutterleib und im ersten Lebensjahr. Ihre Aufgabe ist es, die motorische und neuronale Entwicklung in Gang zu setzen.
Sie…
- bilden erste Verbindungen im Gehirn,
- fördern Gleichgewicht, Koordination und Wahrnehmung,
- bereiten das Kind auf Aufrichtung, Krabbeln und Laufen vor.
Haben sie ihre Aufgabe erfüllt, werden sie nach und nach „abgeschaltet“. Bewegungen sind dann willentlich steuerbar, anstatt automatisch durch Reize ausgelöst zu werden.
Normalerweise geschieht das bis zum etwa 3. Lebensjahr.
Wenn Reflexe nicht integriert sind
Manchmal läuft dieser Prozess nicht optimal. Faktoren wie Stress in der Schwangerschaft, Kaiserschnitt, Saugglockengeburt, wenig Bewegungsfreiheit in den ersten Lebensmonaten oder das Auslassen des Krabbelns können dazu führen, dass Reflexe nicht vollständig integriert werden.
Das Problem: Diese Reflexe schicken auch Jahre später noch Bewegungsimpulse ins Gehirn, die dort eigentlich nichts mehr zu suchen haben.
Das kostet Energie, blockiert bewusste Bewegungen – und macht sich besonders beim Reiten bemerkbar.
Stell dir das Ganze wie ein Theaterstück vor: Jeder Reflex ist ein Schauspieler mit einer klaren Rolle. Haben alle ihren Auftritt absolviert, verlassen sie die Bühne. Bleibt jedoch einer trotzig stehen, bringt er die gesamte Aufführung durcheinander.
Mögliche Symptome
Vielleicht erkennst du dich oder jemanden aus deinem Stall in einigen dieser Punkte:
- Probleme mit Koordination und Gleichgewicht
- schwacher Muskeltonus, verkrampfte Hände (z. B. an den Zügeln)
- tollpatschiges Verhalten, Schusseligkeit
- Schwierigkeiten im sozialen Kontakt
- starke Wutausbrüche, übermäßige Ängstlichkeit oder Schreckhaftigkeit
- Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht oder Berührung
- ADHS-ähnliche Symptome, Lese-Rechtschreibschwäche
- geringes Selbstwertgefühl
All das kann auf restaktive Reflexe hinweisen.
Drei Reflexe, die Reitern besonders Probleme bereiten können
1. Der Furcht-Lähmungs-Reflex (FLR)
Entsteht in der 5.–7. Schwangerschaftswoche und sorgt im Mutterleib für Schutz in Stresssituationen.
Bleibt er aktiv, zeigt der Reiter häufig:
- hochgezogene Schultern, schlaffe Haltung,
- schlechtes Gleichgewicht, schlechte Koordination,
- Schüchternheit, Sensibilität, Ängstlichkeit,
- Erstarren in Schreckmomenten.
Ein autoritärer Trainer kann so ungewollt einen Freeze-Zustand auslösen – und der Reiter wird handlungsunfähig.
2. Der Moro-Reflex
Entsteht in der 9. Schwangerschaftswoche. Er ermöglicht den ersten Atemzug nach der Geburt und löst bei Erschrecken ein typisches „Klammerverhalten“ aus.
Ein restaktiver Moro-Reflex zeigt sich durch:
- extreme Sensibilität, Wut- und Tränenausbrüche,
- Schwierigkeiten, Nähe anzunehmen,
- Probleme mit Veränderungen,
- Stimmungsschwankungen,
- Überempfindlichkeit der Sinne (z. B. Licht).
Bei Erwachsenen kann das sogar zu depressiven Verstimmungen oder Panikattacken führen.
3. Der Bonding-Reflex
Er sorgt unmittelbar nach der Geburt für Bindung und emotionale Sicherheit.
Wenn er nicht integriert ist, zeigt sich das oft in:
- Versagensangst.
- starker Angst, besonders beim Alleinsein,
- großem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit,
- Konflikten mit Autoritätspersonen,
Was das für den Reiter bedeutet
Wer mit restaktiven Reflexen reitet, hört im Training oft dieselben Korrekturen:
- „Mach dein Bein lang!“
- „Lass die Schultern fallen!“
- „Entspann dich doch mal!“
- „Atme!“
Doch so sehr man sich bemüht – es funktioniert einfach nicht dauerhaft.
Denn der Körper kämpft unbewusst gegen die Bewegungsimpulse der Reflexe an.
Auswirkungen auf das Pferd
Das ist nicht nur für den Reiter frustrierend. Auch das Pferd leidet darunter.
Als Fluchttiere reagieren Pferde unmittelbar auf Körpersprache, Herzschlag und innere Anspannung ihres Reiters.
Ein angespannter Mensch führt unweigerlich zu einem angespannten, blockierten Pferd.
So entsteht ein Teufelskreis:
- Reiter ist unsicher → Pferd reagiert nervös → Reiter bekommt noch mehr Angst → Pferd wird schwieriger.
Am Ende bleibt Frust – und nicht selten trägt das Pferd das ungerechte Etikett „Problempferd“.
Die Lösung: Reflexintegration
Die gute Nachricht: Restaktive Reflexe können auch im Erwachsenenalter noch integriert werden.
Mit einem speziellen Bewegungsprogramm lässt sich das Nervensystem „nachreifen“. Dadurch können sich:
- Sitz und Hilfengebung verbessern,
- Ängste reduzieren,
- Konzentration und Koordination stärken,
- der gesamte Umgang mit dem Pferd harmonisieren.
Es ist einfacher, als viele denken – und langfristig oft effektiver als noch ein neuer Reitlehrer oder der nächste Sattel mit dicken Pauschen.
Fazit
Frühkindliche Reflexe mögen auf den ersten Blick nichts mit Reiten zu tun haben. Doch wer sich fragt, warum jahrelanges Training keine spürbaren Fortschritte bringt, findet hier vielleicht die Antwort.
Wenn Ängste und Blockaden dich im Sattel oder neben dem Pferd immer wieder ausbremsen, lohnt es sich, einen Blick auf mögliche restaktive Reflexe zu werfen.
Denn: Ein entspannter Reiter ist die beste Voraussetzung für ein entspanntes Pferd.
Über den Autor

Ani Jentsch
ist eine erfahrene Coachin und Reflexintegrations-
trainerin mit eigener Praxis. Sie verbindet
Pferdeverstand mit Coaching-Skills wie kaum eine
andere.